Reden wir (mit Nutzerinnen) über freie Bildungsmedien! Spannender Workshop beim #OERcamp17 in Köln

Nach zwei von vier OERcamps 2017 lautet das Fazit: die Teilnahme lohnt sich (besonders auch für Bibliotheken)! Das zweigeteilte Format der OERcamps mit a) zuvor geplanten Workshops und b) mit spontan angebotenen Sessions im Barcamp-Teil der Veranstaltung bietet Raum für wirklich jedes Thema rund um freie Bildungsmedien.

Es gab sowohl in München als auch in Köln eine Reihe von Sessions und Workshops zu Themen, die auch Aufgabenbereiche von Bibliotheken betreffen, vor allem aber gab es einen Workshop, der sich speziell mit Fragen zu OER und Bibliotheken befasste.

Foto: Bücher und OER von Gabi Fahrenkrog unter der Lizenz CC BY 4.0

Workshop „Bibliotheken und OER“

Die Teilnehmenden im Workshop zu Bibliotheken und OER setzten sich etwa zur Hälfte aus Beschäftigten in Bibliotheken und zur anderen Hälfte aus Nutzerinnen und Nutzern von Bibliotheken zusammen. Eine interessante Mischung, bei der deutlich wurde, dass Bibliotheken viel lernen können wenn sie die Nutzerinnen und Nutzer einmal fragen, welche Erwartungen und Anforderungen diese an die Einrichtung Bibliothek stellen. Im Bezug auf OER wurden von den Teilnehmenden des Workshops durchaus die konkrete Erwartung an Bibliotheken geäußert, sich mit OER zu befassen, zu freien Bildungsmedien zu beraten und diese auch bereitzustellen.

Nach einer kurzen Einführung zu OER diskutierten die Teilnehmenden darüber was es braucht, damit Bibliotheken sich mit freien Bildungsmedien befassen, welche Kompetenzen dafür vorhanden sein müssen und welche Services Bibliotheken rund um OER anbieten könnten.

Die Themen Metadaten und Qualitätssicherung wurden, wie schon bei der Session „OER in Bibliotheken – was wünschen sich AkteurInnen von Öffentlichen Bibliotheken“ beim OERcamp 2016, auch in Köln wieder als wichtige Aufgabe für Bibliotheken herausgestellt. Nach wie vor werden Bibliotheken als besonders kompetent auf genau diesen Gebieten wahrgenommen.

Im Verlauf des Workshops dann wurden in drei Gruppen die Fragen diskutiert:

  • welche Voraussetzungen brauchen Bibliotheken bzw. welche Voraussetzungen müssen Beschäftigte in Bibliotheken mitbringen, um sich mit OER zu engagieren?
  • welche Kompetenzen sollten in Bibliotheken vorhanden sein, um Services rund um freie Bildungsmedien anbieten zu können?
  • welche Services können oder sollten Bibliotheken rund um OER entwickeln und anbieten?

Es zeigte sich, dass die Grenze zwischen den einzelnen Fragen nicht immer eindeutig zu ziehen ist, es gibt eine Reihe von Überschneidungen. Insgesamt ist aber eine breite Palette an Aspekten zu den einzelnen Fragen herausgearbeitet worden, die es lohnt, weiter zu diskutieren.

Die nächste Gelegenheit dazu bietet der Workshop „Bibliotheken und OER“ beim OERcamp 2017 in Hamburg am 24.06.2017 um 15.30 Uhr, zu dem die Anmeldung noch möglich ist.

Worin sich alle Teilnehmenden in Köln einig waren ist, dass im Engagement mit OER für Bibliotheken viel Potenzial liegt, zumal Bibliotheken in vielerlei Hinsicht dafür prädestiniert sind, die Anlaufstelle in den Kommunen für alle Belange rund um OER zu werden.

Voraussetzungen – Kompetenzen – Services

Welche Voraussetzungen braucht es, welche Kompetenzen sollten in Bibliotheken vorhanden sein, um mit OER umgehen zu können und um den Umgang damit vermitteln zu können?

 

 

 

 

 

Fotos von Gabi Fahrenkrog unter der Lizenz CC BY 4.0

Die Arbeit an und mit freien Bildungsmedien ist ein kollaborativer und partizipativer Prozess. Daher wurde angemerkt, dass die Räume in der Bibliothek so ausgestaltet sein müssten, dass sie die Anforderungen, die diese Arbeitsweise an die Innenarchitektur stellt, erfüllen.  Ähnlich den CoWorking-Spaces solle die Ausstattung flexibel sein und den jeweiligen Anforderungen angepasst werden können. Ideal wäre es darüber hinaus, wenn in diesen Räumen stets ein Bibliothekar oder eine Bibliothekarin (als eine Art Embedded Librarian) für die Beratung und zur Unterstützung der Nutzerinnen und Nutzer anwesend wäre.

Mit OER werden in der Regel digitale Formate verbunden. Daher war es sehr aufschlussreich zu hören, dass sowohl eine Auswahl an „haptischen“ OER gewünscht wird, wie auch generell ein „Bestand“ an freien Bildungsmedien in der Bibliothek zur Verfügung stehen sollte. Die Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, digitale und analoge OER-Formate in die Bestände zu integrieren und verfügbar zu machen. Was auf den ersten Blick aussieht wie das Kerngeschäft von Bibliotheken und eigentlich alltägliche Arbeit, stellt Bibliotheken jedoch im Hinblick auf OER vor besondere Herausforderungen, denn klassische Bibliotheksmanagementsysteme- und Kataloge sind für veränderbare Medien nicht ausgelegt.

Um mit OER umgehen zu können wurde so etwas wie eine „Toolverliebtheit“ als Voraussetzung genannt. Gemeint ist damit die Lust daran, mit unterschiedlichen Formaten spielerisch zu experimentieren und „Hacking“ zu betreiben, also bereits Bestehendes so umzugestalten, dass daraus etwas Neues mit anderen Nutzungsmöglichkeiten entsteht.

Welche Kultur sollte verinnerlicht worden sein, um OER in Bibliotheken zu etablieren? Auch zu dieser Frage wurden nochmals die bibliothekarischen Kernkompetenzen im Bezug auf Qualitätsbeurteilung von Inhalten betont. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn damit Lehr- und Lernmedien von den Akteuren auch für den individuellen Einsatz als geeignet angesehen werden, müssen sie bestimmte Anforderungen erfüllen. Die Kompetenz dies zu beurteilen, wird Bibliotheken ganz klar zugesprochen. Diese Aufgabe anzunehmen bedeutet für Bibliotheken, sich verstärkt auch als „wissensnehmende“ Einrichtung zu betrachten, sich also sehr klar als lernende Einheit zu positionieren, in der das erforderliche Wissen im Umgang mit OER laufend aktuell gehalten wird.

Eine Reihe von Voraussetzungen, die im Workshop herausgearbeitet wurden, beziehen sich auf den Kulturwandel, der mit der Etablierung von OER einher geht. Es wurden die Erwartungen geäußert, dass

  • Bibliotheken im Zusammenhang mit OER neue Aufgaben definieren und annehmen
  • Bibliotheken sich der Bedeutung des Lebenslangen Lernens bewusst werden und OER als wichtiges Element in diesem Zusammenhang begreifen
  • Bibliotheken OER-Kompetenz in ihre Communities vermitteln sollten und
  • Bibliotheken ihre Funktion immer den aktuellen Herausforderungen anpassen.

Services rund um OER

Darüber hinaus erachteten die Teilnehmenden im Workshop aber auch ganz praktische Kompetenzen, wie das Kuratieren und Zusammenführen von Inhalten für bestimmte Gruppen oder auch für Individuen, als wichtige Aufgabe von Bibliotheken im Zusammenhang mit OER.
Insbesondere wird auch von Bibliotheken erwartet, dass sie die Auffindbarkeit von freien Ressourcen sicherstellen bzw. bei der Suche nach relevanten Ressourcen behilflich sind.

Ein Thema für Bibliotheken kann also sein, den Nutzenden OER zur Verfügung zu stellen, z.B. über Bibliothekskataloge, über kuratierte Zusammenstellungen von Inhalten, abgestimmt auch Fächer, Themen, Bildungsbereich, Zielgruppe usw. Darüber hinaus wurde gewünscht, dass in Bibliotheken auch zu Fragen des Urheberrechts und zu freien Lizenzen beraten wird, denn erst die freie Lizenzierung der Materialien ermöglicht das Teilen, Verändern, Nachnutzen und Veröffentlichen von OER.

Der Blick von außen – was Nutzerinnen von Bibliotheken mit OER erwarten

Fragen zu Bibliotheken und OER sollten vor allem auch in die jeweiligen Communities getragen werden. Wie sollen Bibliotheken sonst erfahren, welche Wünsche und Anforderungen von den Nutzenden in diesem Zusammenhang an Bibliotheken gestellt werden?

Die Nicht-Bibliothekarinnen im Workshop machten sehr deutlich, was sie sich von Bibliotheken mit OER erwarten. Eine Teilnehmerin erwartete selbstverständlich, dass sich Bibliotheken mit OER befassen, dazu beraten und freie Bildungsmedien vermitteln. Schließlich gehe sie ja auch sonst mit allen Fragen, die Bildungsmedien betreffen, in die Bibliothek und wird dort beraten.

Eine weitere Teilnehmerin merkte an, dass sie seit ihrer Kindheit Bibliotheken in den verschiedenen Lebensphasen immer auch als Lernraum genutzt habe. Dort fand sie die stets aktuellen Medien und Formate. Damit das auch in Zukunft so bleibt, sieht sie das Engagement mit OER für Bibliotheken als dringend erforderlich. Schließlich seien OER die Lernmedien der Zukunft.

 


Zur Dokumentation des Workshops

 

Kritik an OER

Jürgen Fenn auf albatros bezieht sich auf ein Gespräch von Lisa Rosa mit Tim Pritlove in einem Podcast „Shcule und Lernen in der digitalen Welt“ und kritisiert die Idee, die hinter OER steht, als rückständig. Didaktiksch aufbereitete Materialien seien nicht mehr erforderlich, sondern selbst Lernende würden sich aus dem Netz selbst versorgen und damit lernen und es seien vielmehr Lehrer nötig, die mit didaktischem Geschick diesen Selbstlernprozess anregen und begleiten.

openUP – Lehrende für freie Inhalte (OER) gewinnen

openUP möchte die Lehrenden an Schulen, Universitäten und Hochschulen zur Nutzung und zur Veröffentlichung von Open Educational Resources (OER) anregen. Im Rahmen des Train-the-Trainer-Ansatzes werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der E-Learning-Teams und der mediendidaktischen Zentren in ihrer Rolle als Multiplikatoren informiert und qualifiziert.
Die Multiplikatoren können dann entsprechend erworbene Kenntnisse und Informationen an die Lehrenden vor Ort weitergeben. Damit soll OER-Knowhow dauerhaft an den Institutionen gesichert und eine ‚Community of Practice’ etabliert werden. Bestandteile des Projekts sind eintägige Workshops sowie das Service-Netzwerk OER.“

Hier geht’s zu openUP – einem mit Hilfe von ILIAS realisierten Projekt.